Dienstag, 15. Juni 2010

Zuckmayer (8)

„Er müsse das, sagte er, alles einmal aussprechen, gleichsam um vor einem Zeugen sich selbst Rechenschaft abzulegen. Dann nahm er mir das Wort ab, von den Einzelheiten seiner Erlebnisse, von den Grausamkeiten, die er im Konzentrationslager mit ansehen mußte und denen er selbst unterworfen war, nie anderen zu erzählen und vor allem niemals darüber zu schreiben. Die Schilderung von Grausamkeiten, meinte er, schrecke nicht ab, sondern errege den im menschlichen Unterbewußtsein vorhandenen Trieb zur Grausamkeit, die geheime Lust an ihrer Vorstellung, im Tun und im Erleiden, und damit würden die bösen Geister wieder aufgerührt und neu gerufen. Ähnlich sei es mit Kriegsbüchern, auch wenn sie gegen den Krieg gerichtet seien. Ich habe dieses Wort gehalten, weil ich glaube, daß er recht hatte. Hier ist Schweigen kein Verschleiern, sondern ein Überwinden. Die Phantasie ist eine ebenso abgründige wie erlösende Gewalt. Man tut gut, das Teuflische, das in ihren Tiefen schlummert, nicht zu wecken, sondern nach ihren lichteren Sphären zu streben, ihrer vox coelestis zu lauschen, ihre vox humana zu beschwören.“ (S. 617)

Ein für mich durchaus interessantes Thema. In vielen Beispielen würde ich diese Ansicht übernehmen, Schweigen überwindet, was vergeben und vergessen sein soll und womit die Phantasie nicht gefüttert werden sollte. Trotzdem ist eine zu heile Welt, besser: eine romantisierte Vergangenheit, auch anfällig für die gleichen Fehler, wie und was sollte dokumentiert werden, um das Bewußtsein für zukünftigen Fehlern zu schärfen? Leider nützt die theoretische Auseinandersetzung wenig ohne konkreten Anlaß, lasst euch aber nich davon abhalten zu kommentieren.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen