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Mittwoch, 23. Juni 2010

Zuckmayer (10)

Seit einer guten Woche bin ich nun mitm Zuckmayer durch. Wann habe ich angefangen… Anfang des Semesters, war also recht zügig. Dafür dass es 640 Seiten sind, ich so etwa anderthalb bis zwei Minuten pro Seite gebraucht habe und ich im Alltag wirklich nicht viel lese. Nicht Bücher lese. Denn im Internet lese ich ja viel und das hat auch die einstige Bücherratte irgendwann verdrängt; inzwischen bin ich sogar der Meinung, dass es viel wichtiger als Kind ist Bücher zu lesen, als als Erwachsener. Weil als Kind sich dabei ja noch die Phantasie entwickelt, später liest man mehr wegen des Themas, weniger um in die Buchwelt einzutauchen, Parallelwelten gibts im echten Leben schon genug...
Ich schweife ab – sichtlich. Zu dem Buch bleibt zu sagen: Sehr gehaltvolle Lektüre, sehr gute Sprache (das fehlt leider, wenn man täglich neue Beiträge im Internet o.ä. liest), interessante Themen, aber nicht allzu leicht zu lesen, es kommt schonmal vor, dass seitenweise Erzählungen über Leute, die unsere Generation längst nicht mehr kennt, einen daran zweifeln lässt, ob man sich wirklich so viel merken will. Dabei ist vieles merkwürdig, er kannte eine Unmenge an bedeutenden Persönlichkeiten aus der Zeit der Weimarer Republik und natürlich aus dem künstlerischen Milieu. Aber das ist auch gerade eine Zeit, die ich sehr spannend finde und schon in der Schule manchmal die Details vermisst habe. Falls jemand einen kurzen Einblick darüber haben möchte, wen er alles kannte: Am Ende des Buches ist ein Personen- und Sachregister, wie ich meine, eine recht lange Aufzählung.
Aber dann gibt es auch überzeitliche Themen, ein Kapitel behandelt den ersten Weltkrieg, in dem er bei den ersten Freiwilligen dabei war und bis zu Letzt beim Soldatenaufstand auch noch, ein Kapitel ist über seine Flucht vor den Nazis, über Österreich bis nach der dortigen Machtergreifung, mit viel Glück dann in die Schweiz, und später mit einem der letzten Schiffe vor der amerikanischen Kriegserklärung über den Atlantik, und ein Kapitel dann über seine Arbeitssuche in den USA und das harte Los der Emigration. Interessanterweise ist das alles nicht ganz chronologisch geordnet, er fängt an mit seiner schönsten Zeit in Österreich, bis zu seiner Flucht aus Österreich, um anschließend erst chronologisch mit der Kindheit anzufangen. Im Gesamtzusammenhang natürlich sinnvoll, doch wo der Bruch zwischen Flucht und Kindheit kam, fand ich es etwas demotivierend, von solch einem spannenden Thema zurück zur Kindheit zu gehen.
Das besondere an diesem Buch ist vorallem, dass über diese Dinge keiner heute mehr reden kann. Es gibt Überlebende des zweiten Weltkrieges, aber der fing längst nicht so euphorisch an wie der erste, und spiegelt deswegen eine ganz andere Kriegserfahrung wieder, als die Zuckmayers. Und auch die Weimarer Zeit ist kein Thema mehr, bei unseren Eltern war sie wahrscheinlich genauso präsent, wie für uns die 68er präsent sind. Also wieder ein Stück mehr Geschichte. Zuckmayer schreibt auch einmal, wie euphorisch Deutschland in den ersten Weltkrieg ging, weil von den Eltern noch die Geschichten aus dem 70-er Krieg erzählt wurden…
Das Buch ist wieder in der Heimat, vielleicht braucht ja jemand noch eine Sommerlektüre oder interessiert sich für bestimmte Kapitel des Buches. Zu Schluss noch eine kleine Kritik: Die Bilder sind schlecht ausgewählt. Leider passen sie nur selten zum derzeitigen Buchthema (aus buchbinderischen Gründen) und oftmals sind es Bilder von diversen Aufführungen Zuckmayers, selten aus seinem persönlichen Umfeld und leider für mich sehr nichtssagend.
Bleibt mir nur noch die Geschichten vom Father Brown bis zum Semesterende durchzulesen, denn im Sommer werde ich mir wohl noch weniger Zeit fürs Lesen nehmen.

Dienstag, 15. Juni 2010

Zuckmayer (9)

Zuckmayer über das vorläufige Verbot seines Stückes ›Des Teufels General‹ in den ersten beiden Jahren der Besetzung Deutschlands durch die Alliierten:

„Es paßte nicht in das sogenannte ›Umerziehungsprogramm‹, das onhnehin vergeblich war, denn kein Volk kann ein anderes erziehen, am wenigsten durch eine Armee.“ (S. 627)

War es wirklich vergeblich? Ich fürchte nicht. Denn bislang schiebe ich darauf die verklärte Sicht der Aufklärung in den deutschen Schulen – und oft auch im Volk. Denn wer hat etwas über die negativen Seiten der Aufklärung gelernt? Und wer hat nicht die Bedeutung der französischen Revolution für die Entwicklung der Demokratie beigebracht bekommen?

Zuckmayer (8)

„Er müsse das, sagte er, alles einmal aussprechen, gleichsam um vor einem Zeugen sich selbst Rechenschaft abzulegen. Dann nahm er mir das Wort ab, von den Einzelheiten seiner Erlebnisse, von den Grausamkeiten, die er im Konzentrationslager mit ansehen mußte und denen er selbst unterworfen war, nie anderen zu erzählen und vor allem niemals darüber zu schreiben. Die Schilderung von Grausamkeiten, meinte er, schrecke nicht ab, sondern errege den im menschlichen Unterbewußtsein vorhandenen Trieb zur Grausamkeit, die geheime Lust an ihrer Vorstellung, im Tun und im Erleiden, und damit würden die bösen Geister wieder aufgerührt und neu gerufen. Ähnlich sei es mit Kriegsbüchern, auch wenn sie gegen den Krieg gerichtet seien. Ich habe dieses Wort gehalten, weil ich glaube, daß er recht hatte. Hier ist Schweigen kein Verschleiern, sondern ein Überwinden. Die Phantasie ist eine ebenso abgründige wie erlösende Gewalt. Man tut gut, das Teuflische, das in ihren Tiefen schlummert, nicht zu wecken, sondern nach ihren lichteren Sphären zu streben, ihrer vox coelestis zu lauschen, ihre vox humana zu beschwören.“ (S. 617)

Ein für mich durchaus interessantes Thema. In vielen Beispielen würde ich diese Ansicht übernehmen, Schweigen überwindet, was vergeben und vergessen sein soll und womit die Phantasie nicht gefüttert werden sollte. Trotzdem ist eine zu heile Welt, besser: eine romantisierte Vergangenheit, auch anfällig für die gleichen Fehler, wie und was sollte dokumentiert werden, um das Bewußtsein für zukünftigen Fehlern zu schärfen? Leider nützt die theoretische Auseinandersetzung wenig ohne konkreten Anlaß, lasst euch aber nich davon abhalten zu kommentieren.

Zuckmayer (7)

Später emigrierte Zuckmayer in die USA um dem Krieg zu entkommen. Da er dort aber als Literat keinen Erfolg hatte und raus aus den Städten wollte, wurde er bis zum Ende des Krieges Bauer in Vermont mit kleinen Feldern, viel Wald und vorallem genügend Vieh um sich gerade so übers Wasser halten zu können.

„[…] ich konnte mit Tieren umgehen, vom ersten Farmtag an, als hätte ich nie etwas anderes getan. Was ich nicht liebte, war das Schlachten des Geflügels, doch es gehörte zu meinen unumgänglichen Pflichten – manchmal sogar in großer Anzahl, zum Verkauf. Ich gab unseren Schlachthähnen häßliche Namen, um mir die Sache seelisch zu erleichtern, wir hatten Ribbentrops, mehrere Himmlers, zwei Brüder Goebbels (Paul und Joseph), aber ich hätte auch diese nicht gern selbst geschlachtet.“ (S. 587)

Montag, 14. Juni 2010

Zuckmayer (6)

„Ich hielt mich, als ich heiratete, mit noch nicht neunundzwanzig für einen erwachsenen Mann. Aber wer weiß, wann er erwachsen ist. Ich war zur Ehe, zur Häuslichkeit gewillt, aber ich war noch nicht domestiziert. Ich hatte vieles kennengelernt, aber ebenso viel noch zu erfahren. Unter anderem, daß die Ehe ein Wagestück ist, wie das Seiltanzen und das Stückeschreiben, und auch, wie beides, eine Arbeit. Das ist sie, nach mehr als vierzig Jahren, geblieben – daher auch niemals langweilig oder stumpf geworden – und hat sich am besten bewährt, wenn das Wetter am schlechtesten war.“ (S. 476)

Donnerstag, 27. Mai 2010

Zuckmayer (5)

Was mich überraschte, war, wie früh in der Weimarer Republik sich schon ihr späteres Ende abzeichnete.

„In diese Zeit fiel ein Ereignis, das uns alle aufs tiefste betraf. Am 24. Juni 1922 wurde in Berlin der deutsche Außenminister Walther Rahtenau ermordet, […] er wurde ermordet, weil er Jude war.“ (S. 351)

„Zum ersten Mal hörten wir jene ›Sprech-Chöre‹, von denen später, als Hitlers braune Banden die ›nationale Erhebung‹ inszenierten, die deutschen Städte widerhallten:

»Verreckt ist Walther Rathenau,
Die gottverdammte Judensau« “ (S. 352)

Zuckmayer (4)

„Es kam Paul Hindemith […] Auf den Schultern schleppten wir den kleinen, immer lach- und scherzbereiten Musikanten – er liebte sich so zu nennen – durch die Stadt, zu unserem Stammlokal […] In der Ecke stand ein wackliges Piano, auf dem das ›Paulche‹ Hindemith uns nachts mit dem Seehundsklavier bekannt machte: die flachen Hände wie Flossen benutzend, ohne einzelne Tasten anzuschlagen, brachte er köstliche Parodien auf gängige Musikwerke zustande, wobei er selbst wie ein dressierter Seehund aussah. Liszt, Chopin und Wagner, mit Seehundsflossen gespielt, gewannen entschieden an Humor.“ (S. 341)

Zuckmayer (3)

Irgendwie kann ich gut nachvollziehen, wie Fraenger gearbeitet hat:

„[…] den Teekessel und einen Spirituskocher zu seiner Rechten auf dem Tisch, den Pot d’chambre zu seiner Linken darunter, denn er trank bei der Arbeit immense Mengen von Tee, und der Weg zum Lokus war ihm zu zeitraubend.“ (S. 338)

Montag, 17. Mai 2010

Zuckmayer (2)

„Dies war das erste, folgenschwere ›appeasement‹. Man hatte Hitler freie Hand gegeben, und er steckte sie nicht in die Tasch, wenigstens nicht in seine eigene.“ (S. 141)

Zuckmayer (1)

Wie schon hier erwähnt, lese ich seit längerem Carl Zuckmayers „Als wär’s ein Stück von mir“. Da darin zwischen vielen autobiographischen Erzählungen immer wieder interessante Feststellungen sind, wollte ich hier mal ein paar zitieren, vorerst unkommentiert. Zum Zusammenhang noch: Carl Zuckmayer ist vor dem zweiten Weltkrieg in die USA emmigriert und dass er nicht in einem KZ gelandet ist, war teilweise mehr Glück.

„Doch es wird immer anders. Es wird immer anders, solange man lebt. Zwar heilt die Zeit keineswegs alle Wunden. Doch sie lehrt uns eine Dialektik der Metamorphose, des Sich-Verwandeln-Müssens. Ihre These ist: der Lebenswille! Ihre Antithese: die Verzweiflung. Ihre Synthese ist die Freundschaft.“ (S. 112)

„Man soll die Emigration nicht für einen Ausflug halten […] wieviel Selbsttäuschung, vergebliche Hoffnung, falsche Zuversicht, zerbrochene Lebensmitte! Dabei hatten wir ein gutes Beispiel, wie man es nicht machen soll: das waren die Russen, die nach der Oktober-Revolution von 1917 geflüchtet waren […] und jedes Osterfest mit dem Trinkspruch begingen: zu Weihnachten sind wir daheim!“ (S. 113)

Hmm, ich könnte ein paar Seiten dazu zitieren, aber das wäre zu lang, wahrscheinlich sind erlaubte Zitate noch kürzer…