Bis Weihnachten möchte ich gern noch ein bisschen eingehen auf Schweitzers „Aus meinem Leben und Denken“. Das Buch ist entstanden aus einem Bericht über seine wissenschaftliche Arbeiten, den er erweitert hat um seine Biographie und ihm persönlich wichtige Ereignisse. Beendet hat er das Buch im März 1931, also mit 56 von 90 Lebensjahren. Schon die ersten Kapitel über sein Schüler- und Studentenleben fand ich höchst interessant, dann kommen einige theologische Arbeiten (kurzer Anriss geplant), danach musische Arbeiten (die ich auslassen werde), seine Tätigkeit als Urwaldarzt und zu guter Letzt noch einige philosophische Überlegungen (zu denen ich ziemlich viel gern zitieren würde). Zunächst also zu seinen Lehrjahren.
„Die strenge Zucht […] hat mir sehr wohlgetan. In tiefer Dankbarkeit gedenke ich stets an alles Gute […] Auf dem Gymnasium war ich zunächst ein schlechter Schüler […] Vor allem aber wirkte dieser Lehrer dadurch auf mich, daß ich gleich in den ersten Tagen seines Unterrichts inne wurde, daß er jede Stunde auf das sorgfältigste vorbereitet hatte. Er wurde mit zum Vorbild der Pflichterfüllung“ (S. 10). An der Stelle wußte ich merkwürdigerweise, dass das Buch für mich interessant würde. Ein Mensch, der arbeiten gelernt hat, und dem man es auch am Schreibstil anmerkt! Der Beweis folgte bald:
„Die Doktorarbeit hatte weder unter der Kunst noch unter der Geselligkeit zu leiden, da mir meine gute Gesundheit ausgiebige Nachtarbeit gestattete. Es kam vor, daß ich morgens Widor auf der Orgel vorspielte, ohne überhaupt im Bett gewesen zu sein“. (S. 23) Dies bezieht sich auf seine Zeit in Paris von Oktober 1898 bis März 1899. Ich staunte nicht schlecht, dass die Arbeit 325 Seiten betrug, neben Uni, Orgel- und zweimal Klavierunterricht geschrieben. Durchaus auch an anderen Stellen des Studiums (der Studien?) vorbildhaft.
Schön ist auch eine Anekdote, mit der ich schließen möchte. Für eine Prüfung hatte er sich wenig Zeit genommen: „Zu allem Unglück war mir noch das Mißgeschick widerfahren, daß ich meine Unwissenheit in bezug auf den Verfasser eines Kirchenliedes – es war von Spitta, dem berühmten Dichter von ›Psalter und Harfe‹ – damit zu entschuldigen suchte, daß ich es für zu unbedeutend gehalten hätte, um mir zu merken, von wem es sei. Diese Ausrede brachte ich, sonst ein Bewunderer Spittas, zum Entsetzen aller in Gegenwart von Professor Friedrich Spitta, seinem Sohne vor“ (S. 28).
Donnerstag, 16. Dezember 2010
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