Schweitzer hat mich auch wieder dazu gebracht, mich mit der historischen Erforschung Jesu auseinanderzusetzen. Und bei ihm wird vieles schlüssig, deswegen zitiere ich hiervon etwas mehr, wobei dies natürlich nicht ersetzen kann, den Text vollständig zu lesen. Zuerst geht es um zwei Stellen mit denen er sich im Studium besonders beschäftigt hat und auch Bücher dazu erschienen sind.
„An diesem Schlusse (dass Markus das älteste Evangelium sei) wurde ich zu meinem Erstaunen irre, als ich mich […] mit dem 10. und 11. Kapitel des Matthäus beschäftigte und auf die Bedeutung des in ihnen enthaltenen, nur von Matthäus, nicht auch von Markus gebotenen Stoffes aufmerksam wurde.
Matthäus 10 wird die Aussendung der zwölf Jünger erzählt. In der Rede, mit der er sie entläßt, kündigt ihnen Jesus an, daß sie alsbald große Verfolgung erleiden werden. Es geschah ihnen aber nichts“ (S. 13). Schweitzer geht davon aus, dass Jesus wirklich erwartete, dass sie Verfolgung erleiden werden und in der Zwischenzeit das überirdische, messianische Reich anbrechen werde. Also dass Jesus selbst zwar wußte, dass das messianische Reich nun anbricht, aber nicht wie es käme, oder besser: er sehr in den damaligen Vorstellungen über das Auftreten des Messias verwurzelt war und überrascht gewesen sein müsse, als es anders verlief. Klingt für mich krude. Aber die Textstelle ist beachtlich.
„[Schleiermacher] macht darauf aufmerksam, daß nach den Berichten über das Abendmahl bei Matthäus und Markus Jesus die Jünger nicht aufgefordert habe, das Mahl zu wiederholen, und wir uns also möglicherweise mit dem Gedanken vertraut machen müssen, daß die Wiederholung der Feier in der urchristlichen Gemeinde auf die Jünger und nicht auf Jesum selber zurückgehe“ (S. 19). Auch die Textstelle ist beachtlich (dazu zähl ich auch Lukas). Warum wiederholten sie das Abendmahl? Für Schweitzer ist es eindeutig, dass es nicht das Gedenken an den Sühnetod Christi war, sondern der Ausblick auf das erwartete messianische Mahl, was Jesu an dieser Stelle ankündigt. „So erklärt sich auch, daß die Abendmahlsfeier in der ältesten Zeit als ›Eucharistie‹, das heißt als ›Danksagung‹ bezeichnet wird“ (S. 36).
Ein Kapitel widmet er der Gegenüberstellung seiner Erkenntnisse mit dem praktizierten (freien oder frommen) Christentum (S. 50-57). Für ihn war es in erster Linie wichtig der Wahrheit zu dienen. „Auch wenn sie der Frömmigkeit befremdlich vorkommt und ihr zunächst Schwierigkeiten schafft, kann das Endergebnis niemals Schädigung, sondern nur Vertiefung bedeuten“. Dabei kann ich persönlich mich wenig mit dem Gedanken anfreunden, dass biblische Schriften von anderen verfasst mit dem Namen von Aposteln geschmückt wurden. „Dabei waren sich die, die an dem allen schuld sind, kaum bewußt, etwas Unrechtes zu tun. Sie folgten nur dem im Altertum allgemein geübten und nicht weiter beanstandeten Brauch“.
Weiter erklärt er, dass das Fundament des Christentums durch die Jahrhunderte bleibt, die Weltanschauung aber ihr die äußere Gestalt gibt. „Entscheidend allein ist, wieviel Gewalt die in ihr von Anfang an enthaltene geistig-ethische Wahrheit über die Menschen gewinnt“. Das finde ich etwas wenig, aber grade so ausreichend. Oft kommt dafür seine Ergriffenheit zum Ausdruck: „Das einzige aber, worauf es ankommt, ist, daß wir von der Idee des Reiches Gottes so beherrscht sind, wie Jesus es von den Seinen verlangt“. Und wie Schweitzer von diesem (etwas vergeistigten) Jesus ergriffen ist, beweist sich später im Buch.
„Wie manche Pfarrer haben mir meine Erfahrung bestätigt, daß der historisch erkannte Jesus, obwohl er aus einer anderen Gedankenwelt als der unsrigen zu uns redet, das Predigen nicht schwerer sondern leichter macht“. Wäre nett, wenns so wäre. Aber gibts denn Pfarrer, die gleichzeitig charismatisch und auf die historische Auslegung bedacht sind?
Der Absatz hats auch in sich: „Anstoß bereitet Vielen, daß der historische Jesus als ›irrtumsfähig‹ gelten müsse […] Entspricht es wohl dem Geiste Jesu, daß wir [seine Worte] durch die gewagtesten Deuteleien mit der dogmatischen Lehre seiner absoluten und universellen Irrtumslosigkeit in Einklang zu bringen suchen? Er selber hat auf solche Allwissenheit niemals Anspruch erhoben. Wie er den Jüngling, der ihn mit ›Guter Meister‹ anredete, darauf hinwies, daß nur Gott gut sei (Markus 10, 17-18), so wäre er auch denjenigen entgegengetreten, die ihm göttliche Unfehlbarkeit hätten beilegen wollen“.
Warum ich das alles aufschreibe? Nun zum einen, damit ihr hier kommentieren könnt, soll gar nicht aufwendig nachgeschlagen sein, nur wenn etwas offensichtlich aufstößt. Zum anderen, damit ich mich selbst erinnere an die Gedanken. Wie ich dazu stehe? Schon offen gegenüber. Aber halt noch gegenüber auf der anderen Seite des Grabens… :)
„Ergreifend am historischen Jesus ist seine Unterordnung unter Gott.“
Freitag, 17. Dezember 2010
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Gerade beim letzten Zitat beschleicht mich die Ahnung, daß Schweitzer Jesus nicht als Teil der Dreieinigkeit sieht, sondern lediglich als nachahmenswertes Beispiel eines moralisch und ethisch hochstehenden Menschen – nicht als Messias und Retter der Welt.
AntwortenLöschenJep, das ist auch mein Kritikpunkt. Auch wenn er es so nicht sagt, klingt es nicht nach Trinität bei ihm. Andererseits hilft mir seine Forschung zu verstehen, warum der Punkt in den ersten Jahrhundert sehr umstritten war.
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