„In dem Umgang mit den Primitiven kam ich naturgemäß dazu, mir die vielverhandelte Frage vorzulegen, ob sie einfach in Traditionen gefangene oder wirklich selbständigen Denkens fähige Wesen wären. Zu meinem Erstaunen fand ich in den Gesprächen, die ich mit ihnen führte, daß sie mit den elementaren Fragen nach dem Sinn des Lebens und nach dem Wesen von Gut und Böse durchweg viel mehr beschäftigt waren, als ich angenommen hatte.“ (S. 130)
Wohlgemerkt, das Buch wurde 1931 geschrieben. Da habe ich solche Zeilen nicht erwartet.
Später schreibt er noch einen interessanten Absatz über die Frage, ob die Kolonialherrschaft in Ordnung wäre oder nicht. Natürlich nicht, wenns um die Ausbeutung der Gebiet geht. Aber: „Auf Grund der durch den Welthandel geschaffenen Lage kann es sich bei diesen Völkern also nicht um eine wirkliche Selbstständigkeit handeln, sondern nur darum, ob es für sie besser ist, der Habgier eingeborener Machthaber auf Gnade und Ungnade ausgeliefert zu sein, oder von Beamten europäischer Staaten regiert zu werden.“ (S.172)
So weit, so klar. Da er viele Jahr Urwaldarzt war, kann er es auch gut beurteilen, zumindest in seiner Region. Beim nächsten Stichwort gabs wieder einen Aha-Effekt:
„Selbst der bisherige ›Imperialismus‹ kann einiges für sich anführen, das ethischen Wert hat. Er hat dem Sklavenhandel ein Ende gesetzt; er hat die ständigen Kriege, die die primitiven Völker vordem gegeneinander führten, zum Aufhören gebracht und damit großen Teilen der Welt einen dauernden Frieden geschenkt; er bemüht sich vielfach, in den Kolonien Verhältnisse zu schaffen, die einer Ausbeutung der Bevölkerung durch den Welthandel entgegenwirken.“ (S.172)
Der Imperialismus auf den im Schulunterricht so geschimpft wurde, hatte also auch seine guten Seiten. Die Zankerei in Europa bescherte dem Rest der Welt Frieden, das könnte man sich heutzutage in einigen Regionen wieder herbeiwünschen.
Zuletzt noch die Sicht der Primitiven auf die Weißen, bei denen der Erste Weltkrieg grad anfing:
„Als bekannt wurde, daß von den Weißen, die früher am Ogowe gelebt hatten, bereits zehn gefallen seien, äußerte ein alter Wilder: ›Schon so viele Menschen sind in diesem Kriege getötet worden! Ja, warum kommen dann diese Stämme nicht zusammen, um das Palaver zu besprechen? Wie können sie denn diese Toten alle bezahlen?‹ Bei den Eingeborenen müssen nämlich die im Kriege Gefallenen, bei den Besiegten sowohl wie bei den Siegern, von der anderen Partei bezahlt werden. Derselbe Wilde hielt sich darüber auf, daß die Europäer nur aus Grausamkeit töteten, weil sie die Toten ja nicht essen wollten.“ (S. 133)
Sonntag, 19. Dezember 2010
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen