Montag, 20. Dezember 2010

Schweitzer (4)

Ein großes Thema ist seine Ethik der „Ehrfurcht vor dem Leben“. Anfangs tat er sich schwer damit, durch Denken, Welt und Ethik zu vereinen, bis ihm dieses Stichwort einfiel. Er schreibt: „Zwei Erlebnisse werfen ihre Schatten auf mein Dasein. Das eine besteht in der Einsicht, daß die Welt unerklärlich geheimnisvoll und volle Leid ist; das andere darin, daß ich in eine Zeit des geistigen Niedergangs der Menschheit hineingeboren bin” (S. 197). Sein Blick auf die Welt ist pessimistisch, auch Leibniz’ Aussage, dass es die bestmögliche sei, erscheint ihm armselig. Trotzdem bleibt er nicht bei der Resignation stehen, sondern will zu einer Welt- und Lebensbejahung kommen und auch zu einem ethischen Handeln. Diese Kombination findet er in der Ehrfurcht vor dem Leben erfüllt: Man fühlt sich verpflichtet für das Leben einzustehen und es zu genießen, auch wenn man resignieren möchte, angesichts der Tatsache, dass Leben nur möglich ist, wenn man anderes Leben dafür opfert.

Descartes nahm als Ausgangspunkt „Ich denke, also bin ich“. Schweitzer behauptet: „Denken heißt, etwas denken. Die unmittelbare Tatsache des Bewußtseins des Menschen lautet: ›Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will‹“. Man empfindet Sehnsucht nach dem Weiterleben und den Wunsch nach schmerzfreiem Leben. Also ergibt sich Ehrfurcht vor dem Leben. Und zwar vor jedem, sei es Weißer, Primitiver, Tier oder Pflanze. Später erwähnt er auch, dass er von Kind an Tierschützer war und es deshalb als ein Grundfehler der Philosophien ansah, immer nur vom Menschen auszugehen.

Einen weiteren Fehler findet er in der Philosophie des 19. Jahrhunderts. Diese hat sich immer mehr ins Unelementare bewegt, d.h. weg von den elementaren Fragen des Seins – warum existiere ich und wie soll ich auf die mich umgebende Welt reagieren. Auf diese elementaren Fragen findet sich durch den rasanten Fortschritt der Wissenschaften keine Antwort mehr, obwohl der Mensch sie nach wie vor braucht. Dadurch aber, dass das Denken keine Antwort mehr findet, gab es zu seiner Zeit eine große Mißachtung des Denkens. „Sein ganzes Leben hindurch ist der heutige Mensch also der Einwirkung von Einflüssen ausgesetzt […] Tatsächlich besitzt der moderne Mensch kein geistiges Selbstvertrauen mehr […] Es wird unbegreiflich bleiben, daß unser durch Errungenschaften des Wissens und Könnens so groß dastehendes Geschlecht geistig so herunterkommen konnte, auf das Denken zu verzichten“ (S. 198f).

Schon vor dem ersten Weltkrieg bemerkte er, dass einiges unbemerkt schief läuft. Rätselhaft war ihm der Optimismus mit dem man am Ende des 19. Jahrhunderts die Errungenschaften und den Fortschritt bewertete. Ethisch aber zehrte man von den Errungenschaften vorangegangener Jahrhunderte. Und die Kultur sah er niedergehen. Kultur heißt: „Als das Wesentliche der Kultur ist die ethische Vollendung der Einzelnen wie der Gesellschaft anzusehen. Zugleich aber hat jeder geistige und jeder materielle Fortschritt Kulturbedeutung. Der Wille zur Kultur ist also universeller Fortschrittswille, der sich des Ethischen als des höchsten Wertes bewußt ist“ (S. 139). Der erste Weltkrieg war aus einer Loslösung dieses Zusammenhanges möglich geworden.

Interessant ist auch seine Einteilung anderer Religionen: Griechisches Denken versucht zur Lebensbejahung zu kommen, scheitert und resigniert. Genauso resigniert indisches Denken angesichts der Welt und deswegen wird die Tatenlosigkeit, die Lebensverneinung zum höchsten Ziel. Der Stoizismus dagegen, chinesisches Denken und die Weltanschauung des Zarathustra aber hatten diesen Willen zur Kultur. Leider sind sie alle durch andere Mächte vernichtet worden. Auch dem Judentum der prophetischen Epoche spricht er das Interesse zur Kultur zu. Christentum und Hinduismus dagegen sind ambivalent. Sie enthalten beides und sind zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich aufgetreten in der Weltgeschichte. „Der Islam ist nur seiner Ausdehnung nach eine Weltreligion. Geistig konnte er sich zu einer solchen nicht entwickeln, weil er kein in die Tiefe der Dinge gehendes Denken über die Welt und den Menschen in sich aufkommen ließ. Wo sich ein solches in ihm regte, kämpfte er es nieder um die Autorität der überlieferten Anschauungen zu wahren“ (S. 168).

Manchmal aber ist er gar zu idealistisch: „Früher oder später muß die wahre endgültige Renaissance anbrechen, die der Welt den Frieden bringt“ (S. 147).

Man, ist das schwer seine Gedanken zusammenzukürzen. Ich hoffe, die Länge war passend. Mir erschien einiges seiner Gedanken immer noch hochaktuell, seine Hoffnung, dass wieder mehr Menschen vernünftiges Denken lernen, hat wohl nicht besonders gefruchtet. Skeptizismus ist immer noch beliebt.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen