Sonntag, 19. Dezember 2010

Schweitzer (3)

„In dem Umgang mit den Primitiven kam ich naturgemäß dazu, mir die vielverhandelte Frage vorzulegen, ob sie einfach in Traditionen gefangene oder wirklich selbständigen Denkens fähige Wesen wären. Zu meinem Erstaunen fand ich in den Gesprächen, die ich mit ihnen führte, daß sie mit den elementaren Fragen nach dem Sinn des Lebens und nach dem Wesen von Gut und Böse durchweg viel mehr beschäftigt waren, als ich angenommen hatte.“ (S. 130)

Wohlgemerkt, das Buch wurde 1931 geschrieben. Da habe ich solche Zeilen nicht erwartet.

Später schreibt er noch einen interessanten Absatz über die Frage, ob die Kolonialherrschaft in Ordnung wäre oder nicht. Natürlich nicht, wenns um die Ausbeutung der Gebiet geht. Aber: „Auf Grund der durch den Welthandel geschaffenen Lage kann es sich bei diesen Völkern also nicht um eine wirkliche Selbstständigkeit handeln, sondern nur darum, ob es für sie besser ist, der Habgier eingeborener Machthaber auf Gnade und Ungnade ausgeliefert zu sein, oder von Beamten europäischer Staaten regiert zu werden.“ (S.172)
So weit, so klar. Da er viele Jahr Urwaldarzt war, kann er es auch gut beurteilen, zumindest in seiner Region. Beim nächsten Stichwort gabs wieder einen Aha-Effekt:
„Selbst der bisherige ›Imperialismus‹ kann einiges für sich anführen, das ethischen Wert hat. Er hat dem Sklavenhandel ein Ende gesetzt; er hat die ständigen Kriege, die die primitiven Völker vordem gegeneinander führten, zum Aufhören gebracht und damit großen Teilen der Welt einen dauernden Frieden geschenkt; er bemüht sich vielfach, in den Kolonien Verhältnisse zu schaffen, die einer Ausbeutung der Bevölkerung durch den Welthandel entgegenwirken.“ (S.172)
Der Imperialismus auf den im Schulunterricht so geschimpft wurde, hatte also auch seine guten Seiten. Die Zankerei in Europa bescherte dem Rest der Welt Frieden, das könnte man sich heutzutage in einigen Regionen wieder herbeiwünschen.

Zuletzt noch die Sicht der Primitiven auf die Weißen, bei denen der Erste Weltkrieg grad anfing:

„Als bekannt wurde, daß von den Weißen, die früher am Ogowe gelebt hatten, bereits zehn gefallen seien, äußerte ein alter Wilder: ›Schon so viele Menschen sind in diesem Kriege getötet worden! Ja, warum kommen dann diese Stämme nicht zusammen, um das Palaver zu besprechen? Wie können sie denn diese Toten alle bezahlen?‹ Bei den Eingeborenen müssen nämlich die im Kriege Gefallenen, bei den Besiegten sowohl wie bei den Siegern, von der anderen Partei bezahlt werden. Derselbe Wilde hielt sich darüber auf, daß die Europäer nur aus Grausamkeit töteten, weil sie die Toten ja nicht essen wollten.“ (S. 133)

Freitag, 17. Dezember 2010

Schweitzer (2)

Schweitzer hat mich auch wieder dazu gebracht, mich mit der historischen Erforschung Jesu auseinanderzusetzen. Und bei ihm wird vieles schlüssig, deswegen zitiere ich hiervon etwas mehr, wobei dies natürlich nicht ersetzen kann, den Text vollständig zu lesen. Zuerst geht es um zwei Stellen mit denen er sich im Studium besonders beschäftigt hat und auch Bücher dazu erschienen sind.

„An diesem Schlusse (dass Markus das älteste Evangelium sei) wurde ich zu meinem Erstaunen irre, als ich mich […] mit dem 10. und 11. Kapitel des Matthäus beschäftigte und auf die Bedeutung des in ihnen enthaltenen, nur von Matthäus, nicht auch von Markus gebotenen Stoffes aufmerksam wurde.
Matthäus 10 wird die Aussendung der zwölf Jünger erzählt. In der Rede, mit der er sie entläßt, kündigt ihnen Jesus an, daß sie alsbald große Verfolgung erleiden werden. Es geschah ihnen aber nichts“ (S. 13). Schweitzer geht davon aus, dass Jesus wirklich erwartete, dass sie Verfolgung erleiden werden und in der Zwischenzeit das überirdische, messianische Reich anbrechen werde. Also dass Jesus selbst zwar wußte, dass das messianische Reich nun anbricht, aber nicht wie es käme, oder besser: er sehr in den damaligen Vorstellungen über das Auftreten des Messias verwurzelt war und überrascht gewesen sein müsse, als es anders verlief. Klingt für mich krude. Aber die Textstelle ist beachtlich.

„[Schleiermacher] macht darauf aufmerksam, daß nach den Berichten über das Abendmahl bei Matthäus und Markus Jesus die Jünger nicht aufgefordert habe, das Mahl zu wiederholen, und wir uns also möglicherweise mit dem Gedanken vertraut machen müssen, daß die Wiederholung der Feier in der urchristlichen Gemeinde auf die Jünger und nicht auf Jesum selber zurückgehe“ (S. 19). Auch die Textstelle ist beachtlich (dazu zähl ich auch Lukas). Warum wiederholten sie das Abendmahl? Für Schweitzer ist es eindeutig, dass es nicht das Gedenken an den Sühnetod Christi war, sondern der Ausblick auf das erwartete messianische Mahl, was Jesu an dieser Stelle ankündigt. „So erklärt sich auch, daß die Abendmahlsfeier in der ältesten Zeit als ›Eucharistie‹, das heißt als ›Danksagung‹ bezeichnet wird“ (S. 36).

Ein Kapitel widmet er der Gegenüberstellung seiner Erkenntnisse mit dem praktizierten (freien oder frommen) Christentum (S. 50-57). Für ihn war es in erster Linie wichtig der Wahrheit zu dienen. „Auch wenn sie der Frömmigkeit befremdlich vorkommt und ihr zunächst Schwierigkeiten schafft, kann das Endergebnis niemals Schädigung, sondern nur Vertiefung bedeuten“. Dabei kann ich persönlich mich wenig mit dem Gedanken anfreunden, dass biblische Schriften von anderen verfasst mit dem Namen von Aposteln geschmückt wurden. „Dabei waren sich die, die an dem allen schuld sind, kaum bewußt, etwas Unrechtes zu tun. Sie folgten nur dem im Altertum allgemein geübten und nicht weiter beanstandeten Brauch“.
Weiter erklärt er, dass das Fundament des Christentums durch die Jahrhunderte bleibt, die Weltanschauung aber ihr die äußere Gestalt gibt. „Entscheidend allein ist, wieviel Gewalt die in ihr von Anfang an enthaltene geistig-ethische Wahrheit über die Menschen gewinnt“. Das finde ich etwas wenig, aber grade so ausreichend. Oft kommt dafür seine Ergriffenheit zum Ausdruck: „Das einzige aber, worauf es ankommt, ist, daß wir von der Idee des Reiches Gottes so beherrscht sind, wie Jesus es von den Seinen verlangt“. Und wie Schweitzer von diesem (etwas vergeistigten) Jesus ergriffen ist, beweist sich später im Buch.
„Wie manche Pfarrer haben mir meine Erfahrung bestätigt, daß der historisch erkannte Jesus, obwohl er aus einer anderen Gedankenwelt als der unsrigen zu uns redet, das Predigen nicht schwerer sondern leichter macht“. Wäre nett, wenns so wäre. Aber gibts denn Pfarrer, die gleichzeitig charismatisch und auf die historische Auslegung bedacht sind?
Der Absatz hats auch in sich: „Anstoß bereitet Vielen, daß der historische Jesus als ›irrtumsfähig‹ gelten müsse […] Entspricht es wohl dem Geiste Jesu, daß wir [seine Worte] durch die gewagtesten Deuteleien mit der dogmatischen Lehre seiner absoluten und universellen Irrtumslosigkeit in Einklang zu bringen suchen? Er selber hat auf solche Allwissenheit niemals Anspruch erhoben. Wie er den Jüngling, der ihn mit ›Guter Meister‹ anredete, darauf hinwies, daß nur Gott gut sei (Markus 10, 17-18), so wäre er auch denjenigen entgegengetreten, die ihm göttliche Unfehlbarkeit hätten beilegen wollen“.
Warum ich das alles aufschreibe? Nun zum einen, damit ihr hier kommentieren könnt, soll gar nicht aufwendig nachgeschlagen sein, nur wenn etwas offensichtlich aufstößt. Zum anderen, damit ich mich selbst erinnere an die Gedanken. Wie ich dazu stehe? Schon offen gegenüber. Aber halt noch gegenüber auf der anderen Seite des Grabens… :)

„Ergreifend am historischen Jesus ist seine Unterordnung unter Gott.“

Donnerstag, 16. Dezember 2010

Schweitzer (1)

Bis Weihnachten möchte ich gern noch ein bisschen eingehen auf Schweitzers „Aus meinem Leben und Denken“. Das Buch ist entstanden aus einem Bericht über seine wissenschaftliche Arbeiten, den er erweitert hat um seine Biographie und ihm persönlich wichtige Ereignisse. Beendet hat er das Buch im März 1931, also mit 56 von 90 Lebensjahren. Schon die ersten Kapitel über sein Schüler- und Studentenleben fand ich höchst interessant, dann kommen einige theologische Arbeiten (kurzer Anriss geplant), danach musische Arbeiten (die ich auslassen werde), seine Tätigkeit als Urwaldarzt und zu guter Letzt noch einige philosophische Überlegungen (zu denen ich ziemlich viel gern zitieren würde). Zunächst also zu seinen Lehrjahren.

„Die strenge Zucht […] hat mir sehr wohlgetan. In tiefer Dankbarkeit gedenke ich stets an alles Gute […] Auf dem Gymnasium war ich zunächst ein schlechter Schüler […] Vor allem aber wirkte dieser Lehrer dadurch auf mich, daß ich gleich in den ersten Tagen seines Unterrichts inne wurde, daß er jede Stunde auf das sorgfältigste vorbereitet hatte. Er wurde mit zum Vorbild der Pflichterfüllung“ (S. 10). An der Stelle wußte ich merkwürdigerweise, dass das Buch für mich interessant würde. Ein Mensch, der arbeiten gelernt hat, und dem man es auch am Schreibstil anmerkt! Der Beweis folgte bald:
„Die Doktorarbeit hatte weder unter der Kunst noch unter der Geselligkeit zu leiden, da mir meine gute Gesundheit ausgiebige Nachtarbeit gestattete. Es kam vor, daß ich morgens Widor auf der Orgel vorspielte, ohne überhaupt im Bett gewesen zu sein“. (S. 23) Dies bezieht sich auf seine Zeit in Paris von Oktober 1898 bis März 1899. Ich staunte nicht schlecht, dass die Arbeit 325 Seiten betrug, neben Uni, Orgel- und zweimal Klavierunterricht geschrieben. Durchaus auch an anderen Stellen des Studiums (der Studien?) vorbildhaft.
Schön ist auch eine Anekdote, mit der ich schließen möchte. Für eine Prüfung hatte er sich wenig Zeit genommen: „Zu allem Unglück war mir noch das Mißgeschick widerfahren, daß ich meine Unwissenheit in bezug auf den Verfasser eines Kirchenliedes – es war von Spitta, dem berühmten Dichter von ›Psalter und Harfe‹ – damit zu entschuldigen suchte, daß ich es für zu unbedeutend gehalten hätte, um mir zu merken, von wem es sei. Diese Ausrede brachte ich, sonst ein Bewunderer Spittas, zum Entsetzen aller in Gegenwart von Professor Friedrich Spitta, seinem Sohne vor“ (S. 28).

Mittwoch, 8. Dezember 2010

Eine klare Ansage für den Klogang.

Donnerstag, 2. Dezember 2010

Feuer machen, oder Liedchen trällern?

Schwanitz schreibt auf Seite 515:
„Literatur macht die komplexen Zusammenhänge zwischen sozialen Prozessen und Lebensläufen von Einzelpersonen zitierbar, indem sie ihnen ein Gesicht und eine Adresse gibt. In ihren Geschichten verkörpern sich typische Schicksale, […] Wie lebende Personen auch sind sie »Kompaktinformationen«: Zusammen bilden diese Figuren einen Freundeskreis, den alle Mitglieder eine Gesellschaft miteinander teilen. […] Und nur vermittels der Geschichten, die man an anderen beobachtet, kann man die Abläufe beobachten, in denen man selbst steckt.“

Einen dieser Freunde hab ich in der letzten Woche kennengelernt: Pinneberg. Hauptcharakter in Hans Falladas Roman: „Kleiner Mann, was nun?“. Zu Anfang des Buches heiratet er Lämmchen und folgend handelt das Buch von ihren ersten 2 Ehejahren etwa. Den Geldsorgen. Den Problemen beim häuslichen Einrichten, mit eben jenen im Nacken. Das Zusammenbekommen von Arbeit und Privatleben, besser: Eheleben. Dazu kommen, die grundverschiedenen Weltsichten, die sich erst beim Zusammenziehn auftun, wie sollten sie diese auch vorher bemerken, irgendwann bekommt man mit, dass sie sich wenige Wochen oder Tage vor der Heirat nur gekannt haben dürften. Außerdem wird Berlin um 1930 herum skizziert mit all seiner Arbeitslosigkeit und sozialen Problemen, sowie den Kämpfen zwischen Nazis und Kommunisten, auch wenn das Pinneberg nur am Rande zu betreffen scheint. Und natürlich auch einige interessante Nebenfiguren – ich fand das Buch sehr interessant. War eindeutig am Lesetempo festzustellen. Auch wenn ich nicht in den Abläufen selbst stecke und vermutlich nie in diese kommen werde, dafür ist die Ausgangslage doch zu unterschiedlich. Aber so verschiedene Schicksale in einer »Kompaktinformation« zu haben, ist doch wirklich eine schöne Sache.

Samstag, 20. November 2010

Ich bestimme das Thema.

Die Zeit fließt schnell vor sich hin, schneller als erwartet. Momentan lese ich viele Bücher und übe mäßig, dazu einige Gedanken im Kopf, was ich ändern könnte, mal angehen sollte. Da ichs schon gegenüber einigen erwähnte, für alle nochmal eine kurze Aufzählung der Bücher:
Von Tucholsky einige Kurzgeschichten, manche sind sehr gut, viele aber für mich belanglos, nach einem Drittel des Buches stockt es grad ziemlich. Von Hemingway einige Kurzgeschichten, wie ich finde, ein mühsamer Stil, auf seine Art schön, aber etwas zu spröde. Dagegen war die etwas längere Geschichte „Der alte Mann und das Meer“ sehr eindrucksvoll, da sich nochmal eine andere Welt öffnet, wenn man nach einigen Seiten in den Stil eingetaucht ist. Nun bin ich bei Schweitzers „Aus meinem Leben und Denken“ angelangt, was ein sehr inspirierendes Buch ist, schon von den ersten Seiten an. Wenn ich Zeit und Muße finde, will ich gern dazu noch was schreiben.
Des Weiteren lese ich von SchwanitzBildung. Alles was man wissen muß“. Zugegeben, der Name hat mich abgeschreckt. Aber er ist nicht nur provokant, sondern durchaus gerechtfertigt. Im ersten Teil gehts ums Allgemeinwissen, knapp dargestellt, aber umfassend. Im zweiten Teil um den Umgang unter Gebildeten, die Einleitung dazu ist sehr lesens- und denkenswert. Würde ich auch gern einmal paar Dinge rausschreiben. Auch standen in diesem Buch einige interessante selbstreflexierende Sätze, die zu dem Posttitel führten.
Last but no least probier ichs doch mal, die Bibel von vorn nach hinten zu lesen. Einige Passagen in den Büchern Mose schreckten mich zwar immer davon ab, aber irgendwann wollte ichs doch mal angehn. Zwei von fünf Büchern sind schon passé, ob ich bis Weihnachten allerdings Mose schaffe, ist zu bezweifeln.
Drei weitere, kurze Bücher liegen noch auf meinem Schreibtisch, sodass die Zeit bis Weihnachten in jedem Fall gut gefüllt ist.
Als letztes wollte ich schon lange nachtragen, dass ich mit den Father-Brown-Erzählungen durch bin, zumindest in der fast vollständigen Gesamtausgabe. Durchaus empfehlenswert, wenn man sein englisch etwas üben möchte und Spaß an Kriminalfällen hat. Nur wenige sind in ihrem Verlauf absehbar, auch wenn sie sich sehr ähneln; mehr noch macht diese Geschichten die pointierte Darstellung des Fathers und die wortreiche Schreibweise Chestertons lesenswert.
Nun denn, genug geschrieben, wünsche eine angenehme Adventszeit.

P.S.: Da les ich grad bei wikipedia, dass es für Hemingways Geschichte – ähäm – Novelle den Literaturnobelpreis gab… dass sie als so außergewöhnlich eingeschätzt wird, hätte ich nicht gedacht.

Montag, 1. November 2010

es ist merkwürdig.

Aber wirklich so, dass mich kein Heimweh packt. Wohl doch auch schon hier zu Hause. Noch merkwürdiger ist, dass ein paar Gedanken ohne Antwort liegen geblieben sind und ich auch keine Anstalten mache, diese Fäden wieder aufzugreifen. Wo ich sonst nicht aufhören kann, Dinge zu Ende zu denken.
Heute war ich doch noch in Hattingen. War zwar neblig und dunkel, sodass ich keine schöne Landschaft auf der Fahrt hatte, gelohnt hat sichs trotzdem. Hat wirklich ne schöne, kleine Altstadt und präsentiert sich auch gut, ein wesentlich friedlicher und homogenerer Ort als Wuppertal. Warum ich mir sowas anschaue? Ach, keine Ahnung, irgendwelche Gene.