Samstag, 8. Januar 2011

Schweitzer (5)

Die Feierzeit hats pausieren lassen, nichtsdestotrotz wollt ich die Reihe noch vollenden. Und das Buch möglichst in der Heimat lassen und nicht wieder mitnehmen. Also noch ein Post mit den letzten Bruchstücken.

Durch den ersten Weltkrieg wurde Schweitzer zum Kriegsgefangenen, da er ja als Elsäßer in einer französischen Kolonie arbeitete. So wurde er zurück nach Europa in ein Gefangenenlager geschickt. „Als Arzt gewann ich Einblick in das vielfache Elend, das im Lager herrschte. Am schlimmsten waren diejenigen daran, die psychisch unter der Gefangenschaft litten. […] Sie hatten nicht mehr die seelische Kraft, sich zu beschäftigen. […] Wer einigermaßen gesund und frisch blieb, dem bot das Gefangenenlager mancherlei Interessantes dadurch, daß in ihm Menschen aus vielen Völkern und fast allen Berufen anzutreffen waren. […] Um sich zu bilden brauchte man im Lager keine Bücher zu lesen. Für alles, was man wissen wollte, standen einem sachkundige Menschen zur Verfügung. Von dieser einzigartigen Gelegenheit zu lernen habe ich reichlich Gebrauch gemacht“ (S. 156f). Faszinierend für mich.

Schweitzer studierte mit 30 bis 37 Jahren Medizin in der Hoffnung bei der Pariser Missionsgesellschaft sich als Arzt anbieten zu können. Er sammelte auch Spenden für seine Reise und die Errichtung seines Spitals, stand aber vor einem Problem: Die Missionsgesellschaft hielt nichts von seiner historisch-kritischen Theologie. „Man beschloß, mich vor das Komitee zu laden und ein Glaubensexamen mit mir anzustellen. Darauf ging ich nicht ein, mit der Begründung, daß Jesus bei der Berufung seiner Jünger von ihnen nichts anderes verlangt habe, als daß sie ihm nachfolgen wollten. Auch ließ ich dem Komitee sagen, daß nach dem Worte Jesu ›Wer nicht wider mich ist, der ist für mich‹ eine Missionsgesellschaft nicht recht daran täte, wenn sie einem Mohammedaner, der sich ihr anböte um ihre kranken Schwarzen zu behandeln, abwiese“ (S. 106). In den Dienst kam er trotzdem, indem er jedem Mitglied einen Besuch abstattete und ihnen versprach nicht predigen, sondern nur behandeln zu wollen. Ein Mitglied des Komitees erklärte daraufhin aber seinen Austritt.

Über sein Vorhaben redete er mit nur einem Freund, bis er sich absolut sicher war, diesen Weg einschlagen zu wollen. Als er es dann mit Briefpost allen mitteilte, machten viele ihm Vorwürfe, dass er sie nicht vorher eingeweiht hätte in seinen Plan. „Daß theologische Freunde sich darin besonders hervortaten, kam mir darum so ungereimt vor, weil sie alle wohl schon eine schöne oder sehr schöne Predigt darüber gehalten hatten, daß der Apostel Paulus sich seinem Worte im Galaterbrief zufolge für das, was er für Jesum tun wollte, nicht zuvor mit Fleisch und Blut besprochen habe“ (S. 82). Interessante Einstellung. Mir zu radikal, diese Stelle auf sich selbst zu übertragen.

Noch ein Nachtrag zur historischen Forschung: „Tatsächlich ergibt sich aus den Werken der Bestreiter der Geschichtlichkeit Jesu also, daß die Annahme seiner Existenz tausendmal leichter zu erweisen ist als die seiner Nichtexistenz“ (S. 118). Den Absatz fand ich schön zu lesen. Auch wenn er damit nur die Existenz, nicht sein Wirken meint.

Am Schluß des Buches kommt noch ein längerer Epilog in dem er verschiedene Gedanken zu den Zuständen seiner Zeit los wird – etwas durcheinander, aber immer noch aktuell und zu empfehlen. Mal wieder ein Kapitel, wo ich nicht weiß, was ich zitieren soll, da vieles sich anbietet.
„Das Christentum bedarf des Denkens, um zum Bewußtsein seiner selbst zu gelangen. Jahrhundertelang hatte es das Gebot der Liebe und der Barmherzigkeit als überlieferte Wahrheit in sich getragen, ohne sich auf Grund desselben gegen die Sklaverei, die Hexenverbrennung, die Folter und so viele andere antike und mittelalterliche Unmenschlichkeiten aufzulehnen. Erst als es den Einfluß des Denkens des Aufklärungszeitalters erfuhr, kam es dazu, den Kampf um die Menschlichkeit zu unternehmen. Diese Erinnerung sollte es für immer vor jeglicher Überhebung dem Denken gegenüber bewahren. […] Gegen die Erneuerung der Tortur (i.e. polizeiliche Folter für Geständnisse) lehnt sich das heutige Christentum nicht einmal in Worten, geschweige denn in der Tat auf, wie es auch den modernen Aberglauben kaum bekämpft“ (S. 213). Wohlgemerkt: 1931 geschrieben.

Noch aktueller empfinde ich seine Worte zum Skeptizismus. „Verzicht auf Denken ist geistige Bankrotterklärung. Wo die Überzeugung aufhört, daß die Menschen die Wahrheit durch ihr Denken erkennen können, beginnt der Skeptizismus. Diejenigen, die daran arbeiten, unsere Zeit in dieser Art skeptisch zu machen, tun dies in der Erwartung, daß die Menschen durch Verzicht auf selbsterkannte Wahrheit zur Annahme dessen, was ihnen autoritativ und durch Propaganda als Wahrheit aufgedrängt werden soll, gelangen werden.
Die Rechnung ist falsch. […] Die Masse selber bleibt skeptisch. Sie verliert den Sinn für Wahrheit und das Bedürfnis nach ihr und findet sich darein, in Gedankenlosigkeit dahinzuleben und zwischen Meinungen hin- und hergetrieben zu werden“ (S. 200). „Die Saat des Skeptizismus ist aufgegangen. Tatsächlich besitzt der moderne Mensch kein geistiges Selbstvertrauen mehr. Hinter einem selbstsicheren Auftreten verbirgt er eine große geistige Unsicherheit“ (S. 199).

„Von mir selber weiß ich, daß ich durch Denken religiös und christlich blieb“ (S. 214).

Montag, 20. Dezember 2010

Schweitzer (4)

Ein großes Thema ist seine Ethik der „Ehrfurcht vor dem Leben“. Anfangs tat er sich schwer damit, durch Denken, Welt und Ethik zu vereinen, bis ihm dieses Stichwort einfiel. Er schreibt: „Zwei Erlebnisse werfen ihre Schatten auf mein Dasein. Das eine besteht in der Einsicht, daß die Welt unerklärlich geheimnisvoll und volle Leid ist; das andere darin, daß ich in eine Zeit des geistigen Niedergangs der Menschheit hineingeboren bin” (S. 197). Sein Blick auf die Welt ist pessimistisch, auch Leibniz’ Aussage, dass es die bestmögliche sei, erscheint ihm armselig. Trotzdem bleibt er nicht bei der Resignation stehen, sondern will zu einer Welt- und Lebensbejahung kommen und auch zu einem ethischen Handeln. Diese Kombination findet er in der Ehrfurcht vor dem Leben erfüllt: Man fühlt sich verpflichtet für das Leben einzustehen und es zu genießen, auch wenn man resignieren möchte, angesichts der Tatsache, dass Leben nur möglich ist, wenn man anderes Leben dafür opfert.

Descartes nahm als Ausgangspunkt „Ich denke, also bin ich“. Schweitzer behauptet: „Denken heißt, etwas denken. Die unmittelbare Tatsache des Bewußtseins des Menschen lautet: ›Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will‹“. Man empfindet Sehnsucht nach dem Weiterleben und den Wunsch nach schmerzfreiem Leben. Also ergibt sich Ehrfurcht vor dem Leben. Und zwar vor jedem, sei es Weißer, Primitiver, Tier oder Pflanze. Später erwähnt er auch, dass er von Kind an Tierschützer war und es deshalb als ein Grundfehler der Philosophien ansah, immer nur vom Menschen auszugehen.

Einen weiteren Fehler findet er in der Philosophie des 19. Jahrhunderts. Diese hat sich immer mehr ins Unelementare bewegt, d.h. weg von den elementaren Fragen des Seins – warum existiere ich und wie soll ich auf die mich umgebende Welt reagieren. Auf diese elementaren Fragen findet sich durch den rasanten Fortschritt der Wissenschaften keine Antwort mehr, obwohl der Mensch sie nach wie vor braucht. Dadurch aber, dass das Denken keine Antwort mehr findet, gab es zu seiner Zeit eine große Mißachtung des Denkens. „Sein ganzes Leben hindurch ist der heutige Mensch also der Einwirkung von Einflüssen ausgesetzt […] Tatsächlich besitzt der moderne Mensch kein geistiges Selbstvertrauen mehr […] Es wird unbegreiflich bleiben, daß unser durch Errungenschaften des Wissens und Könnens so groß dastehendes Geschlecht geistig so herunterkommen konnte, auf das Denken zu verzichten“ (S. 198f).

Schon vor dem ersten Weltkrieg bemerkte er, dass einiges unbemerkt schief läuft. Rätselhaft war ihm der Optimismus mit dem man am Ende des 19. Jahrhunderts die Errungenschaften und den Fortschritt bewertete. Ethisch aber zehrte man von den Errungenschaften vorangegangener Jahrhunderte. Und die Kultur sah er niedergehen. Kultur heißt: „Als das Wesentliche der Kultur ist die ethische Vollendung der Einzelnen wie der Gesellschaft anzusehen. Zugleich aber hat jeder geistige und jeder materielle Fortschritt Kulturbedeutung. Der Wille zur Kultur ist also universeller Fortschrittswille, der sich des Ethischen als des höchsten Wertes bewußt ist“ (S. 139). Der erste Weltkrieg war aus einer Loslösung dieses Zusammenhanges möglich geworden.

Interessant ist auch seine Einteilung anderer Religionen: Griechisches Denken versucht zur Lebensbejahung zu kommen, scheitert und resigniert. Genauso resigniert indisches Denken angesichts der Welt und deswegen wird die Tatenlosigkeit, die Lebensverneinung zum höchsten Ziel. Der Stoizismus dagegen, chinesisches Denken und die Weltanschauung des Zarathustra aber hatten diesen Willen zur Kultur. Leider sind sie alle durch andere Mächte vernichtet worden. Auch dem Judentum der prophetischen Epoche spricht er das Interesse zur Kultur zu. Christentum und Hinduismus dagegen sind ambivalent. Sie enthalten beides und sind zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich aufgetreten in der Weltgeschichte. „Der Islam ist nur seiner Ausdehnung nach eine Weltreligion. Geistig konnte er sich zu einer solchen nicht entwickeln, weil er kein in die Tiefe der Dinge gehendes Denken über die Welt und den Menschen in sich aufkommen ließ. Wo sich ein solches in ihm regte, kämpfte er es nieder um die Autorität der überlieferten Anschauungen zu wahren“ (S. 168).

Manchmal aber ist er gar zu idealistisch: „Früher oder später muß die wahre endgültige Renaissance anbrechen, die der Welt den Frieden bringt“ (S. 147).

Man, ist das schwer seine Gedanken zusammenzukürzen. Ich hoffe, die Länge war passend. Mir erschien einiges seiner Gedanken immer noch hochaktuell, seine Hoffnung, dass wieder mehr Menschen vernünftiges Denken lernen, hat wohl nicht besonders gefruchtet. Skeptizismus ist immer noch beliebt.

Sonntag, 19. Dezember 2010

Schweitzer (3)

„In dem Umgang mit den Primitiven kam ich naturgemäß dazu, mir die vielverhandelte Frage vorzulegen, ob sie einfach in Traditionen gefangene oder wirklich selbständigen Denkens fähige Wesen wären. Zu meinem Erstaunen fand ich in den Gesprächen, die ich mit ihnen führte, daß sie mit den elementaren Fragen nach dem Sinn des Lebens und nach dem Wesen von Gut und Böse durchweg viel mehr beschäftigt waren, als ich angenommen hatte.“ (S. 130)

Wohlgemerkt, das Buch wurde 1931 geschrieben. Da habe ich solche Zeilen nicht erwartet.

Später schreibt er noch einen interessanten Absatz über die Frage, ob die Kolonialherrschaft in Ordnung wäre oder nicht. Natürlich nicht, wenns um die Ausbeutung der Gebiet geht. Aber: „Auf Grund der durch den Welthandel geschaffenen Lage kann es sich bei diesen Völkern also nicht um eine wirkliche Selbstständigkeit handeln, sondern nur darum, ob es für sie besser ist, der Habgier eingeborener Machthaber auf Gnade und Ungnade ausgeliefert zu sein, oder von Beamten europäischer Staaten regiert zu werden.“ (S.172)
So weit, so klar. Da er viele Jahr Urwaldarzt war, kann er es auch gut beurteilen, zumindest in seiner Region. Beim nächsten Stichwort gabs wieder einen Aha-Effekt:
„Selbst der bisherige ›Imperialismus‹ kann einiges für sich anführen, das ethischen Wert hat. Er hat dem Sklavenhandel ein Ende gesetzt; er hat die ständigen Kriege, die die primitiven Völker vordem gegeneinander führten, zum Aufhören gebracht und damit großen Teilen der Welt einen dauernden Frieden geschenkt; er bemüht sich vielfach, in den Kolonien Verhältnisse zu schaffen, die einer Ausbeutung der Bevölkerung durch den Welthandel entgegenwirken.“ (S.172)
Der Imperialismus auf den im Schulunterricht so geschimpft wurde, hatte also auch seine guten Seiten. Die Zankerei in Europa bescherte dem Rest der Welt Frieden, das könnte man sich heutzutage in einigen Regionen wieder herbeiwünschen.

Zuletzt noch die Sicht der Primitiven auf die Weißen, bei denen der Erste Weltkrieg grad anfing:

„Als bekannt wurde, daß von den Weißen, die früher am Ogowe gelebt hatten, bereits zehn gefallen seien, äußerte ein alter Wilder: ›Schon so viele Menschen sind in diesem Kriege getötet worden! Ja, warum kommen dann diese Stämme nicht zusammen, um das Palaver zu besprechen? Wie können sie denn diese Toten alle bezahlen?‹ Bei den Eingeborenen müssen nämlich die im Kriege Gefallenen, bei den Besiegten sowohl wie bei den Siegern, von der anderen Partei bezahlt werden. Derselbe Wilde hielt sich darüber auf, daß die Europäer nur aus Grausamkeit töteten, weil sie die Toten ja nicht essen wollten.“ (S. 133)

Freitag, 17. Dezember 2010

Schweitzer (2)

Schweitzer hat mich auch wieder dazu gebracht, mich mit der historischen Erforschung Jesu auseinanderzusetzen. Und bei ihm wird vieles schlüssig, deswegen zitiere ich hiervon etwas mehr, wobei dies natürlich nicht ersetzen kann, den Text vollständig zu lesen. Zuerst geht es um zwei Stellen mit denen er sich im Studium besonders beschäftigt hat und auch Bücher dazu erschienen sind.

„An diesem Schlusse (dass Markus das älteste Evangelium sei) wurde ich zu meinem Erstaunen irre, als ich mich […] mit dem 10. und 11. Kapitel des Matthäus beschäftigte und auf die Bedeutung des in ihnen enthaltenen, nur von Matthäus, nicht auch von Markus gebotenen Stoffes aufmerksam wurde.
Matthäus 10 wird die Aussendung der zwölf Jünger erzählt. In der Rede, mit der er sie entläßt, kündigt ihnen Jesus an, daß sie alsbald große Verfolgung erleiden werden. Es geschah ihnen aber nichts“ (S. 13). Schweitzer geht davon aus, dass Jesus wirklich erwartete, dass sie Verfolgung erleiden werden und in der Zwischenzeit das überirdische, messianische Reich anbrechen werde. Also dass Jesus selbst zwar wußte, dass das messianische Reich nun anbricht, aber nicht wie es käme, oder besser: er sehr in den damaligen Vorstellungen über das Auftreten des Messias verwurzelt war und überrascht gewesen sein müsse, als es anders verlief. Klingt für mich krude. Aber die Textstelle ist beachtlich.

„[Schleiermacher] macht darauf aufmerksam, daß nach den Berichten über das Abendmahl bei Matthäus und Markus Jesus die Jünger nicht aufgefordert habe, das Mahl zu wiederholen, und wir uns also möglicherweise mit dem Gedanken vertraut machen müssen, daß die Wiederholung der Feier in der urchristlichen Gemeinde auf die Jünger und nicht auf Jesum selber zurückgehe“ (S. 19). Auch die Textstelle ist beachtlich (dazu zähl ich auch Lukas). Warum wiederholten sie das Abendmahl? Für Schweitzer ist es eindeutig, dass es nicht das Gedenken an den Sühnetod Christi war, sondern der Ausblick auf das erwartete messianische Mahl, was Jesu an dieser Stelle ankündigt. „So erklärt sich auch, daß die Abendmahlsfeier in der ältesten Zeit als ›Eucharistie‹, das heißt als ›Danksagung‹ bezeichnet wird“ (S. 36).

Ein Kapitel widmet er der Gegenüberstellung seiner Erkenntnisse mit dem praktizierten (freien oder frommen) Christentum (S. 50-57). Für ihn war es in erster Linie wichtig der Wahrheit zu dienen. „Auch wenn sie der Frömmigkeit befremdlich vorkommt und ihr zunächst Schwierigkeiten schafft, kann das Endergebnis niemals Schädigung, sondern nur Vertiefung bedeuten“. Dabei kann ich persönlich mich wenig mit dem Gedanken anfreunden, dass biblische Schriften von anderen verfasst mit dem Namen von Aposteln geschmückt wurden. „Dabei waren sich die, die an dem allen schuld sind, kaum bewußt, etwas Unrechtes zu tun. Sie folgten nur dem im Altertum allgemein geübten und nicht weiter beanstandeten Brauch“.
Weiter erklärt er, dass das Fundament des Christentums durch die Jahrhunderte bleibt, die Weltanschauung aber ihr die äußere Gestalt gibt. „Entscheidend allein ist, wieviel Gewalt die in ihr von Anfang an enthaltene geistig-ethische Wahrheit über die Menschen gewinnt“. Das finde ich etwas wenig, aber grade so ausreichend. Oft kommt dafür seine Ergriffenheit zum Ausdruck: „Das einzige aber, worauf es ankommt, ist, daß wir von der Idee des Reiches Gottes so beherrscht sind, wie Jesus es von den Seinen verlangt“. Und wie Schweitzer von diesem (etwas vergeistigten) Jesus ergriffen ist, beweist sich später im Buch.
„Wie manche Pfarrer haben mir meine Erfahrung bestätigt, daß der historisch erkannte Jesus, obwohl er aus einer anderen Gedankenwelt als der unsrigen zu uns redet, das Predigen nicht schwerer sondern leichter macht“. Wäre nett, wenns so wäre. Aber gibts denn Pfarrer, die gleichzeitig charismatisch und auf die historische Auslegung bedacht sind?
Der Absatz hats auch in sich: „Anstoß bereitet Vielen, daß der historische Jesus als ›irrtumsfähig‹ gelten müsse […] Entspricht es wohl dem Geiste Jesu, daß wir [seine Worte] durch die gewagtesten Deuteleien mit der dogmatischen Lehre seiner absoluten und universellen Irrtumslosigkeit in Einklang zu bringen suchen? Er selber hat auf solche Allwissenheit niemals Anspruch erhoben. Wie er den Jüngling, der ihn mit ›Guter Meister‹ anredete, darauf hinwies, daß nur Gott gut sei (Markus 10, 17-18), so wäre er auch denjenigen entgegengetreten, die ihm göttliche Unfehlbarkeit hätten beilegen wollen“.
Warum ich das alles aufschreibe? Nun zum einen, damit ihr hier kommentieren könnt, soll gar nicht aufwendig nachgeschlagen sein, nur wenn etwas offensichtlich aufstößt. Zum anderen, damit ich mich selbst erinnere an die Gedanken. Wie ich dazu stehe? Schon offen gegenüber. Aber halt noch gegenüber auf der anderen Seite des Grabens… :)

„Ergreifend am historischen Jesus ist seine Unterordnung unter Gott.“

Donnerstag, 16. Dezember 2010

Schweitzer (1)

Bis Weihnachten möchte ich gern noch ein bisschen eingehen auf Schweitzers „Aus meinem Leben und Denken“. Das Buch ist entstanden aus einem Bericht über seine wissenschaftliche Arbeiten, den er erweitert hat um seine Biographie und ihm persönlich wichtige Ereignisse. Beendet hat er das Buch im März 1931, also mit 56 von 90 Lebensjahren. Schon die ersten Kapitel über sein Schüler- und Studentenleben fand ich höchst interessant, dann kommen einige theologische Arbeiten (kurzer Anriss geplant), danach musische Arbeiten (die ich auslassen werde), seine Tätigkeit als Urwaldarzt und zu guter Letzt noch einige philosophische Überlegungen (zu denen ich ziemlich viel gern zitieren würde). Zunächst also zu seinen Lehrjahren.

„Die strenge Zucht […] hat mir sehr wohlgetan. In tiefer Dankbarkeit gedenke ich stets an alles Gute […] Auf dem Gymnasium war ich zunächst ein schlechter Schüler […] Vor allem aber wirkte dieser Lehrer dadurch auf mich, daß ich gleich in den ersten Tagen seines Unterrichts inne wurde, daß er jede Stunde auf das sorgfältigste vorbereitet hatte. Er wurde mit zum Vorbild der Pflichterfüllung“ (S. 10). An der Stelle wußte ich merkwürdigerweise, dass das Buch für mich interessant würde. Ein Mensch, der arbeiten gelernt hat, und dem man es auch am Schreibstil anmerkt! Der Beweis folgte bald:
„Die Doktorarbeit hatte weder unter der Kunst noch unter der Geselligkeit zu leiden, da mir meine gute Gesundheit ausgiebige Nachtarbeit gestattete. Es kam vor, daß ich morgens Widor auf der Orgel vorspielte, ohne überhaupt im Bett gewesen zu sein“. (S. 23) Dies bezieht sich auf seine Zeit in Paris von Oktober 1898 bis März 1899. Ich staunte nicht schlecht, dass die Arbeit 325 Seiten betrug, neben Uni, Orgel- und zweimal Klavierunterricht geschrieben. Durchaus auch an anderen Stellen des Studiums (der Studien?) vorbildhaft.
Schön ist auch eine Anekdote, mit der ich schließen möchte. Für eine Prüfung hatte er sich wenig Zeit genommen: „Zu allem Unglück war mir noch das Mißgeschick widerfahren, daß ich meine Unwissenheit in bezug auf den Verfasser eines Kirchenliedes – es war von Spitta, dem berühmten Dichter von ›Psalter und Harfe‹ – damit zu entschuldigen suchte, daß ich es für zu unbedeutend gehalten hätte, um mir zu merken, von wem es sei. Diese Ausrede brachte ich, sonst ein Bewunderer Spittas, zum Entsetzen aller in Gegenwart von Professor Friedrich Spitta, seinem Sohne vor“ (S. 28).

Mittwoch, 8. Dezember 2010

Eine klare Ansage für den Klogang.

Donnerstag, 2. Dezember 2010

Feuer machen, oder Liedchen trällern?

Schwanitz schreibt auf Seite 515:
„Literatur macht die komplexen Zusammenhänge zwischen sozialen Prozessen und Lebensläufen von Einzelpersonen zitierbar, indem sie ihnen ein Gesicht und eine Adresse gibt. In ihren Geschichten verkörpern sich typische Schicksale, […] Wie lebende Personen auch sind sie »Kompaktinformationen«: Zusammen bilden diese Figuren einen Freundeskreis, den alle Mitglieder eine Gesellschaft miteinander teilen. […] Und nur vermittels der Geschichten, die man an anderen beobachtet, kann man die Abläufe beobachten, in denen man selbst steckt.“

Einen dieser Freunde hab ich in der letzten Woche kennengelernt: Pinneberg. Hauptcharakter in Hans Falladas Roman: „Kleiner Mann, was nun?“. Zu Anfang des Buches heiratet er Lämmchen und folgend handelt das Buch von ihren ersten 2 Ehejahren etwa. Den Geldsorgen. Den Problemen beim häuslichen Einrichten, mit eben jenen im Nacken. Das Zusammenbekommen von Arbeit und Privatleben, besser: Eheleben. Dazu kommen, die grundverschiedenen Weltsichten, die sich erst beim Zusammenziehn auftun, wie sollten sie diese auch vorher bemerken, irgendwann bekommt man mit, dass sie sich wenige Wochen oder Tage vor der Heirat nur gekannt haben dürften. Außerdem wird Berlin um 1930 herum skizziert mit all seiner Arbeitslosigkeit und sozialen Problemen, sowie den Kämpfen zwischen Nazis und Kommunisten, auch wenn das Pinneberg nur am Rande zu betreffen scheint. Und natürlich auch einige interessante Nebenfiguren – ich fand das Buch sehr interessant. War eindeutig am Lesetempo festzustellen. Auch wenn ich nicht in den Abläufen selbst stecke und vermutlich nie in diese kommen werde, dafür ist die Ausgangslage doch zu unterschiedlich. Aber so verschiedene Schicksale in einer »Kompaktinformation« zu haben, ist doch wirklich eine schöne Sache.